Liebe Acro Community,

ich weiß gar nicht so richtig, wie ich anfangen soll, aber als ich den Aufruf von Ralph zu „schreibe deine Geschichte zu deinen Themen im Bezug auf Acro Yoga“ gelesen habe, habe ich gleich gewusst, dass ich was schreiben möchte.

Einige von euch wissen, dass ich Multiple Sklerose (MS) habe, die meisten wahrscheinlich noch nicht. Hier erstmal eine kurze Beschreibung, was Multiple Sklerose überhaupt ist. Es handelt sich hierbei um eine unheilbare chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem (ZNS) angreift. Die Erkrankung verläuft bei jedem anders, man sagt auch MS hat 1000 Gesichter, da die Beschwerden sehr unterschiedlich sein können. MS verläuft in den meisten Fallen schubweise, d.h. die Entzündung ist aktiv und man spürt, wenn man einen „Schub“ hat, der aber auch bei vielen anders verläuft. Wie es mir hierzu ergeht, folgt später.

Viele Betroffene, wie auch ich, als ich vor 6 Jahren die Diagnose erhalten habe, denken zuerst an das „Schlimmste“, die Gedanken überschlagen sich, was kann alles passieren? Wie wird sich die Krankheit entwickeln? Fragen über Fragen. Viele verbinden MS ja immer noch automatisch mit Rollstuhl und Behinderung.

Es war natürlich ein Schock, den man erstmal verarbeiten muss… irgendwie.

 

Weihnachten 2013 fing es an

Ein Jahr zuvor hatte ich meinen ersten MS Schub. Es war Dezember 2013, ein paar Tage vor Weihnachten. Einen Monat zuvor kam alles zusammen, was zum „Triggern“ meines MS Schubes geführt hat. Manchmal wird ein Schub durch eine seelische Belastungssituation ausgelöst. Ich wurde damals bei der Arbeit aus betriebsbedingten Gründen gekündigt (und das einen Tag bevor ich den Urlaub geflogen bin und meine Freundin in Australien besucht habe).

Mein Ex-Freund und ich hatten uns kurz vorher getrennt, und ich war in einer Phase des Umbruchs, eine etwas depressive Phase, in der ich sehr viel geweint habe, da ich mit mir selbst nicht im Reinen war. Ich habe viele Fragen gestellt… Ist das der Job den ich machen will? Will ich überhaupt so leben wie ich lebe? Mein Herz und Alles hat sich schwer angefühlt.

Während meines Urlaubs bei meiner Freundin in Australien, hat diese mir den Anstoß gegeben, dass doch jetzt genau der richtige Zeitpunkt wäre (so ohne Job und Beziehung), länger Reisen zu gehen, z.B. in Neuseeland, ein relativ sichereres und dennoch abenteuertaugliches Land. Etwas, was ich immer schon mal machen wollte, so das, was so viele junge Leute mehr und mehr machen, wo sie Jobs, Wohnung usw. kündigen, um sich auf die sogenannte „Reise zu sich selbst“ zu begeben.

Gesagt, getan – die nächsten zwei Urlaubswochen habe ich darüber nachgedacht, kam entschlossen nach Deutschland zurück, um dann gleich mein „Work and Travel“ Visum für Neuseeland zu beantragen.

All diese genannten Themen (Trennung, Kündigung im Job, schnelle Entscheidung zu Work and Travel und die Vorbereitung und das ganze Drumherum führten zu diesem ersten MS Schub.

 

Die ersten Meinungen der Ärzte

Es war wie gesagt kurz vor Weihnachten, und wie es genau losging erinnere ich gar nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich auf einmal dieses Kribbeln im Körper hatte, es wurde über ein paar Tage stärker bin ich der Meinung und hat einfach nicht mehr aufgehört, die ganze Zeit lang, es gab keine Sekunde wo es nicht gekribbelt hat… tags, nachts, einfach die ganze Zeit. So ein Gefühl, als wären die Beine eingeschlafen mit Taubheitsgefühlen, halt nicht nur in den Beinen, sondern fast am Ganzen Körper (Beine, Füße, Hände, Bauch).

Ich habe mir gedacht, das ist bestimmt eine Reaktion auf den ganzen Stress, den ich hatte. Die Taubheitsgefühle wurden nur so stark, dass ich das Gefühl hatte, ein enges Korsett zu tragen, und ich eingeengt war und kaum noch Luft bekam (subjektives Gefühl).

So konnte es nicht weitergehen… Ich war doch nicht bescheuert, geschweige denn bilde mir das vielleicht noch ein. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht gleich bei jedem Furz, der einem quer sitzt, zum Arzt gehen. Ich ging also erstmal zum Allgemeinmediziner. Diese sagte zu mir, dass ich ein kerngesunder Mensch bin und die Kirche im Dorf lassen solle…

Ne, im Ernst, genau das wurde mir gesagt, und dass, wenn es doch gar nicht geht, ich ins Krankenhaus in die Notaufnahme gehen soll. Das habe ich dann getan, mittlerweile war es Heiligabend, ich bin in die Notaufnahme der Schön Klinik in Eilbek gefahren. Ich habe vier Stunden gewartet und bin leider nicht rangekommen, … hatte ja keine offene, klaffende Wunde o.Ä.

Nach Weihnachten habe ich einen erneuten Versuch gestartet, dieses Mal im Marienkrankenhaus. Dort wurde ich sogar nach 1½ Stunden aufgerufen. Man konnte mir auf die Schnelle leider nur Blut abnehmen und konnt mir dann, nachdem wir das Ergebnis erhalten hatten, sagen, dass ich zu schnell atme, ja, das lag wahrscheinlich daran, dass ich dass Gefühl hatte, eingeengt zu sein, wohl ein wenig hyperventiliert habe, und wahrscheinlich auch die ganze Aufregung… Hmm, also auch nichts wirklich Neues. Da ich ja nun am 05. Januar meinen Flieger nach Neuseeland gebucht hatte, konnte man mir leider auch kurzfristig davor keinen MRT Termin mehr anbieten (das wäre wohl die Lösung gewesen).

 

Neuseeland und der zweite Schub

Also bin ich mit MS Schub nach Neuseeland geflogen, der noch eine ganze Weile anhielt, also mindestens noch 1 Monat, vielleicht aber auch 1½, ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Ich hatte mir eingeredet, dass schon nichts Schlimmes ist, nur mal wieder psychosomatische Weh-Wehchen. Aber ich habe nach meinem ersten MS Schub gemerkt, dass etwas anders ist, anders als sonst. Da ich aber beim Reisen war, war sowieso alles anders als sonst, und ich habe meinen Körper und seine Signale ein wenig ignoriert. Nach ½ Jahr Reisen durch Neuseeland war mein Kopf nicht mehr aufnahmefähig, so ein Gefühl, als hätte ich ein „Travel Burn out“… was für eine Wortmischung.

Ich flog zurück nach Hause, da ich mir zwischenzeitlich das Handgelenk gebrochen hatte und auch noch böse mit dem Fuß umgeknickt bin. Nach einem wunderschönen heißen Sommer 2014 in Hamburg habe ich nach meiner fulminanten Auszeit einen, wie ich es empfand, relativ stressigen Job angenommen. Naja, ich habe mein Bestes gegeben, habe mir natürlich auch selbst viel Stress gemacht, um die Probezeit zu überstehen. Dadurch habe ich mich zu sehr verausgabt, und dann geschah es im Oktober 2014, mein zweiter MS Schub begann. Genau das gleiche Gefühl wie beim ersten Schub, exakt identisch. Ja, ok, ich hatte mal wieder Stress, diesmal aber „nur“ beruflich, es konnte doch nicht sein, dass jedes Mal, wenn ich Stress habe, mein Körper „dicht“ macht. Diesmal habe ich es nicht darauf beruhen lassen und bin zum Arzt, gleich zum Neurologen. Ich hatte mir vorsichtshalber gleich zwei Termine bei zwei unterschidedliche Neurologen zwecks Zweitmeinung geben lassen. Die erste Neurologin hat sich Zeit für mich genommen, micht länger untersucht und ist dann zu dem Schluss gekommen, dass ich Stress habe. Ja, ne, Danke…. war mir gar nicht bewusst.

Das war’s.. nichts weiter..

Einen Monat später hat mich der nächste Neurologe untersucht (Facharzttermine sind als nicht Privatpatient schwer bzw. nur mit langer Wartezeit zu bekommen, wie ihr wisst.)

Der hat mich dann wenigstens mal zur Radiologie überwiesen, damit mal ein MRT von meinem Kopf und meiner HWS (Halswirbelsäule) gemacht werden konnte. Diesen MRT Termin hatte ich dann wiederum einen Monat später im Januar 2015, und danach kam das Rad endlich mal ins Rollen.

 

Die Diagnose

Zwei Wochen später hatte ich einen Anruf von meinem überweisenden Arzt, ich solle doch nochmal vorbei kommen, … OK… das ist schon so ein Zeichen, wenn dich ein Arzt anruft, dass Du doch nochmal vorbeikommen sollst. Hmm, hab mir schon fast gedacht, dass die nun endlich was gefunden haben. Diese ewige Ungewissheit, das war für mich das Schlimmste. Dann war ich also wieder in der Sprechstunde bei diesem Neurologen, und er sagte: „Ja, die haben da was gefunden.“ Ich lauschte wie gelähmt den Worten des Arztes. Nun endlich die Gewissheit zu bekommen, dass man eben nicht Hypochonder ist. Ich sollte in der nächsten Woche ins Kankenhaus St Georg, die mich ein paar Tage auf den Kopf stellen würden, um eine klare Diagnose stellen zu können. Ich kam mir vor wie im Film, ich und MS… kann das wirklich sein? Eine unheilbare Krankheit… und was würde das alles bedeuten? Ich, Maike, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Fakt ist, nach einer Woche Station 1B Neurologie in der Asklepios Klinik hatte ich meine Diagnose Multiple Sklerose mit schubförmig remittierendem Verlauf.

Die nächsten Wochen waren unwirklich, ich habe viel nachgedacht… natürlich viel zu viel, aber wohl verständlich. Bei der Arbeit habe ich die Maske aufgesetzt und den „Business as usual“ Schalter gedrückt. Ich habe dann mit einer bestimmten MS Therapie angefangen. Hierzu musste ich alle 4 Wochen zu einer Infusion ins Krankenhaus. Die ersten Wochen und Monate nach der Diagnose waren mit sehr viel Vorsicht verbunden. Was kann ich überhaupt noch machen, was kann ich meinem Körper zutrauen? Kurz nach der Woche im Krankenhaus hatte ich immer leichtes Schwindelgefühl. Nicht schön, als ob man zumindest ansatzweise die Kontrolle verliert. In dieser Zeit konnte ich keine krassen Sportkurse bei Sportspaß so wie HIIT und Cardioaerobic mehr machen (was ich sonst regelmäßig gemacht habe), da ich einfach das Gefühl hatte, dass die Kraft in den Beinen fehlte. Das war aber eben nur das Gefühl, es waren die angegriffenen Nerven, die die Signale mit Verzögerung vom Gehirn weiterleiten. Ich brauchte Zeit, mit der neuen Situation umzugehen, nach ein paar Monaten hatte ich mich meiner Abteilungsleiterin offenbart, dass ich MS habe, und dass nun meine Gesundheit für mich an erster Stelle steht, und ich einfach kürzer treten würde, da Gesundheit ja nunmal das wichtigste im Leben ist. Dies habe ich bis zu diesem Zeitpunkt wohl nicht immer so gelebt.

 

Umdenken

Dies war, wie gesagt, 2015, es sind nun knapp fünf Jahre nach meiner Diagnose vergangen, und ich habe in der Zeit angefangen umzudenken. Ich habe viel mehr auf meinen Körper und dessen Signale geachtet. Ebenfalls bin ich empfindlich geworden auf z.B. Hitze, Lärm, grelles Licht, natürlich Stress usw… Ich habe bestimmte Taktiken gelernt, um damit besser umzugehen.

Es sind gar nicht so sehr die körperlichen Dinge, die micht so sehr belasten, aber bei vielen MS Patienten, wie auch bei mir, ist Fatigue (ein Erschöpfungszustand) ein Thema. Ich kann mich einfach nicht mehr so so gut und lange konzentieren, habe manchmal Wortfindungsstörungen. Um dem entgegenzuwirken, gibt es nur eins: Stress reduzieren, guten und ausreichenden Schlaf. Viele leiden auch an Stimmungsschwankungen und Depressionen. Ich habe einen Hang zu Beidem.

 

AcroYoga

Durch meinen Ex-Freund bin ich 2016 auf Acro Yoga gekommen. Er hat im Flashh gebouldert und dann immer die Acro Stunde dort gesehen. Darauf hin haben wir das auch einfach mal ausprobiert… Mit Youtube Videos ging es dann ohne Spotter im Garten los (ich weiss, oje….) Jan und ich haben uns ½ Jahr später getrennt, aber die schönen Erinnerungen an Acro Yoga sind geblieben. Ich wollte es nicht einfach so aufgeben, es hat mir einfach zu sehr Spaß gemacht. Im April 2017 habe ich bei Ralph im Center Of Gravity bei dem Einsteigerkurs „Fit For Jam“ teilgenommen. Seitdem gehört Acroyoga zu meinem Leben. Acroyoga ist für mich eine Art Therapie. Laut einigen Ärzten ist Sport sowieso wahrscheinlich die beste Medizin.

Insgesamt war ich auch schon vor meiner MS Diagnose sportlich, aber durch die MS, denke ich, noch mehr. Wenn es eines der besten Heilmittel (neben gesunder Ernährung) ist, mache ich es natürlich regelmäßig, also nicht nur Acro Yoga, sondern auch joggen und allgemeine Fitness.

Was mir AcroYoga immer wieder zeigt, ist einfach all das, was möglich ist. Washing machines und Figuren, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich imstande wäre, dies zu tun. Wenn ich mal nicht so gut drauf bin und dann zum Acroyoga verabredet bin, geht es mir fast immer nach kurzer Zeit besser. Das gemeinsame Üben und Lachen und die Acro Yoga und Akrobatik Gemeinschaft möchte ich nicht missen.

 

An dieser Stelle ein besonderes Dankeschön and die Menschen, die mir mit viel Geduld, Ausdauer und Spaß viel gezeigt haben, und von denen ich viel lernen durfte. Natürlich Dennis [Hieke], der mit mir als erster der AcroYoga Community vor 2½ Jahren außerhalb des Kurses gejammt hat, mir viel gezeigt hat, und mit dem es jedes Mal noch superschön ist. Und natürlich Simon Lemcke, zu dessen Kurs ich immer Sonntag nachmittags in der Turnhalle der Stadtteilschule St Georg gehe. Simons Kurs gefällt mir sehr, da einfach alles drin steckt, eine ordentliche Portion Kreativität, Gemeinschaft und vieles mehr.

Auch meine liebe Jaleh, mit der es auch immer so viel Spaß macht, und wir echt gut im gegenseitigen Basen geworden sind 😉

Und natürlich viele weitere von euch, die ich an dieser Stelle nicht alle aufzählen kann, sind mir sehr ans Herz gewachsen.

 

In diesem Sinne, achtet auch euch und eure Gesundheit!

Maike

Über die Autorin

tMaike C. (36)

1983 geborene quirlige und freche Hamburgerin (auch in Hamburg geboren)
mit 16 Austauschjahr in den USA (1999/2000)
Abitur in Hamburg 2003
danach Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau
seitdem in dem Beruf tätig (öfter mal die Firma/Position gewechselt)
September 2011 – März 2012: 6 Monate in Buenos Aires gearbeitet um für sich selbst Auslandserfahrungen zu sammeln
Dezember 2013: Beginn erster MS Schub
Jan – July 2014: Grad noch bevor es nicht mehr ging mit 30 work and travel in Neuseeland (mit 31 kann man das Visum nicht mehr beantragen)
Februar 2015: Diagnose Multiple Sklerose
Sommer 2016: langsam mit Acro Yoga angefangen, mit you tube 😉

Meine Leidenschaft außer AcroYoga: Reisen 😉
mit 15 Jahren den ersten Schüleraustausch mit dem Spanisch Leistungskurs nach Chile (6 Wochen)
Reisen insgesamt da ich einfach unheimlich neugierig und interessiert bin Neue Orte, Länder, Menschen kennenzulernen und wie die leben.
mittlerweile war ich auf allen Kontinenten; Schönste Reise: Südafrika!

Lebensmotto:
Hab ich nicht, möchte ich auch nicht haben da ich nicht so der Typ bin nach dem Motte „Lebe jeden Tag als ob es dein letzter wäre“, nein sowas fällt auch mir nicht leicht.
Wenn ich ein Motto hätte wäre es: „Ich muss gar nichts“. Darüber würden meine Freunde und Eltern lachen, das Sie dass immer zu hören bekommen wenn ich mal wieder höre: „Du musst mal ….“
Dann korrigiere ich Sie immer mit „Ich sollte/könnte/dürfte ;)“

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